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Texte von Dr. Anita Heiliger

Die gegenwärtige Regelsozialisation von Jungen in einer geschlechtshierarchischen Gesellschaft stellt die Voraussetzungen dafür her, sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Frauen auszuüben, um die Jungen und Männern im Männlichkeitsbild vermittelte Dominanz über Frauen früh einzuüben und herzustellen. Entsprechendes Verhalten wird dann weiterhin als "normal" empfunden und kann den Boden auch für massivere sexuelle Gewalt bis hin zum Mord bereiten. Von dieser These geht die Studie des Deutschen Jugendinstitutes aus, deren Ergebnisse im Folgenden vorgestellt werden. Es wird an Hand von qualitativen Interviews entscheidenden Stadien in der männlichen sexuellen Sozialisation nachgegangen und im Einzelnen aufgezeigt, wo und wie primäre Prävention sexueller Gewalt angesetzt werden muss.

Antisexistische Jungenarbeit konfrontiert sich mit der patriarchalen Struktur der bestehenden Gesellschaft, d.h. der Geschlechterhierarchie. Sie kritisiert die hierin funktionale männliche Identität, die eine Höherwertigkeit mit männlicher Geschlechtszugehörigkeit verbindet und sich daher auf der Abwertung von Mädchen und Frauen gründet, aus der heraus Gewalt entsteht. Ziel ist die Förderung einer männlichen Identität, die sich nicht auf dieser Abwertung gründet, sondern ein stabiles Selbstbewusstsein bei Jungen entwickelt, das keiner Machtaneignung und Überlegenheitsdemonstration bedarf, weil solche Inhalte aus dem Männlichkeitskonzept entfernt würden.

Hierbei handelt es sich um die Ergebnisse einer schriftlichen Befragung von 360 SchülerInnen einer Realschule in München 1998 im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der „Münchner Kampagne Aktiv gegen Männergewalt an Frauen und Mädchen/Jungen“ am Deutschen Jugendinstitut München

Therapie von Sexualstraftätern ist eine Hoffnung, sie an Wiederholungstaten hindern, Opfer vor ihnen schützen zu können. Eine entsprechende Wirkung ist jedoch bisher schwer nachzuweisen. Kritisch beleuchtet wird in dem Artikel u.a. eine mangelnde Opferperspektive und ein häufiges Verlieren in der Perspektive des Täters auf seine Tat und in der Darstellung seiner Motive. Die Tat selber gerät dabei oftmals völlig in den Hintergrund zugunsten einer Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit des Täters, der sich auf solche Weise nicht mit seiner Tat konfrontieren muss. Eine präventive Wirkung erscheint somit unwahrscheinlich.

Berichtet wird hier von Ergebnissen einer empirischer Studie aus dem Deutschen Jugendinstitut an Hand von Interviews mit Betroffenen und der Auswertung von Glaubwürdigkeitsgutachten. Deutlich wird darin, dass sexueller Missbrauch an Kindern von den Tätern in einer Vielzahl strategischer Schritte im vorhinein und die Tat begleitend sorgfältig und oft langfristig geplant wird. Die Kenntnis dieser Strategien wird als dringend notwendig, um Tat und Täter sowie die Gefahr der Wiederholungstäterschaft richtig einzuschätzen und Situationen zu entziffern, die Kinder gefährden können.

Der grauenhafte Mord an der Lehrerin in Meißen im Jahre 2000 war ein alarmierendes Zeichen für eine neue „Qualität“ von Gewalt an Schulen und fordert grundlegende Kritik der Anerkennungskultur unter Jungen. Die Vergewaltigung einer 10jährigen Schülerin durch drei gleichaltrige Schüler zwingt den Blick auf alltägliche Übergriffe im Vorfeld der Tat und die dringende Notwendigkeit früher Intervention und Prävention. Kritische Auseinandersetzung mit dem vorherrschenden Männlichkeitsbild der Dominanz und Gewaltakzeptanz und systematische Förderung gewaltfreier Männlichkeit sind hier von entscheidender Bedeutung. Klare Orientierungen in den Botschaften an Jungen, Etablierung von Regeln, soziale Kontrolle und Einigkeit in den Teams und Kollegien über die Abschaffung von Geschlechterhierarchie und geschlechtsgebundener Gewalt sind zentrale Elemente im Handlungsspektrum.

Für das gesellschaftspolitische Ziel der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und der Bekämpfung von männlicher Gewalt gegen Frauen sowie des hohen Ausmaßes an Gewalt, die insgesamt auf das Konto von Männern geht, wird hier die Entwicklung zur Gleichberechtigung fähiger und gewaltfreier Männlichkeiten als unumgänglich angesehen. Präventive Arbeit mit Jungen wird für sehr effektiv gehalten, um ihnen – und damit der Gesellschaft - die Orientierung an einem gewaltträchtigen Männlichkeitsideal zu ersparen und Jungen darin zu bestärken,, Gewalt und Dominanz von sich aus abzulehnen. In mehreren Forschungsprojekten des Deutschen Jugendinstitutes wurde der Frage nachgegangen, auf welche Weise hier gehandelt werden kann:

Sexualität wird heute wie nie zuvor öffentlich in Zeitschriften, Fernsehen und vor allem im Internet in zumeist pornografischer Weise vorgeführt und beeinflusst erheblich Vorstellungen und Praxis der Sexualität Jugendlicher. Entscheidende Botschaften sind Männerdominanz und Frauenunterwerfung, Sexualität als unkontrollierbarer Trieb und als Mittel zur Erlangung von Männlichkeit, Erwartungen an Frauen als Sexualobjekte. Weibliche Sexualität wird nicht an sich, sondern nur in der Funktion für männliche Sexualität dargestellt. Veränderungen sind aber feststellbar: Viele Mädchen fordern ihren Orgasmus ein, viele Jungen binden ihre Sexualität stärker an Gefühle als früher. Doch die Mehrzahl ist noch immer verunsichert und nicht angemessen aufgeklärt, sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung. Mädchen und Jungen brauchen Erwachsene als aufgeschlossene Gesprächspartner für ihre Fragen und Probleme, brauchen Orientierungen für eine Sexualität, die respektvoll und einfühlsam ist sowohl sich selbst als auch PartnerInnen gegenüber.

Pornographie ist die Darstellung von Frauen als entwerteten Huren, nicht von Erotik. Jugendliche sollen vor der Konfrontation geschützt werden. Die enorme Ausbreitung von Pornographie im Internet führt zu erhöhtem, auch unfreiwilligem Konsum. Die Wirkungsforschung weist auf einen Zusammenhang zwischen männlicher sexueller Aggression gegen Frauen und Pornographiekonsum hin. Kinder empfinden das Gesehene oft als abstoßend , die Entwicklung einer negativen Einstellung zur Sexualität liegt nahe, der Vergewaltigungsmythos wird gefördert. Die Vorstellungen von – vor allem männlichen - Jugendlichen über Sexualität wird wesentlich durch Pornographie bestimmt, deren Konsum zumeist völlig unkontrolliert stattfindet, die Eltern haben selbst von sexueller Belästigung ihres Kindes in Chatrooms kaum Kenntnis. Die Beachtung des Themas Pornographie im Internet und ihrer Wirkung Kinder und auf Jugendliche ist in Deutschland dringend erforderlich .

Kinder und Jugendliche machen einen beträchtlichen Anteil der Anzeigen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung aus und üben noch weit häufiger sexuelle Übergriffe aus, die nicht zur Anzeige gelangen. Aus der Täterforschung kann als gesichert gelten, dass erwachsene Sexualstraftäter bereits im Kindes- bzw. Jugendalter abweichendes Verhalten gezeigt haben, so dass gesagt werden kann, „dass ein wesentliches Risikomerkmal für einschlägige Rückfälligkeit eine frühe Sexualdelinquenz ist“ (Elz 2003, S. 63). Für die Prävention sexueller Gewalt sind solche frühen Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen besonders zu beachten. Es gilt sie zu unterbrechen, um Täter- (und Opfer-)Karrieren zu verhindern.

Eine kritische Sicht auf die muslimische Kultur ist infolge aktueller und dramatischer Ereignisse möglich geworden, die Verurteilung der Entrechtung der Frau, der „Ehrenmorde“ und Zwangsverheiratungen ist europaweit Konsens. Notwendig ist nun, auch einen Blick auf die Sozialisation der Jungen in dieser Kultur zu werfen und Möglichkeiten zu finden, ihnen den Ausstieg aus einem Männlichkeitsbild zu erleichtern, das Frauen versklavt, sie zur „Ehre“ des Mannes deklariert und ihre Ermordung bei vermeintlicher „Ehrverletzung“ legitimiert, Jungen sogar dazu anstiftet, ihre eigene Schwester umzubringen.